»Jüdisches Leben am Grindel«

 

GesamtDas Wandbild von 1995 wurde 2015 restauriert. Wir unterstützten die Aktion finanziell und personell. Silke Wittich-Neven und Gerd Dupont nahmen als Mitglieder des GdFF-Vorstands an der Einweihung am 11.11.15 ab 17.00 teil, die draußen vor der Tür mit einer Besichtigung beginnen sollte. Aber es war dunkel. Berichtet wurde drinnen: 1995 gingen die Muralistas, eine Gruppe von Uni- und HWP-Studierenden, zunächst spontan und unbefangen ans Werk. Sie wollten auf dem Uni-Campus ein Wandbild schaffen, das anders als die damals grassierenden Graffitis auf Dauer die überfällige Erinnerungsarbeit symbolisiert. Dafür suchten sie eine geeignete Wand.

Das jüdische Kulturleben im Grindelviertel, einst ein pulsierendes Zentrum, wurde durch Deportation und Terror ab 1933 zerstört. Nach 1945 breitete sich hier der Campus aus. Die Hamburger waren stolz auf die modernen Universitätsbauten in der Mitte ihrer Stadt. Sehr spät begann eine zögerliche, brüchige, widersprüchliche und kontroverse Auseinandersetzung mit dem Faschismus, Holocaust und Antisemitismus in Hamburg. Sie hinterließ tiefe Risse. Arie Goral, einer der wenigen jüdischen Bürger, die um 1965 aus dem Exil zurück in die Bornstraße kamen, zeigte Präsenz und verwies die Studierenden unablässig darauf, dass sie trotz der grauenvollen Geschichte am Grindel in den einfachen Wohnungen, Kellern und Innenhöfen der Deportierten gemütlich lebten, frei studierten, günstig wohnten, gut feierten, über Vietnam diskutierten, aber nichts über die Verbrechen der Nazis und die Deportation und Vernichtung der Juden am Grindel wussten. Das änderte sich bald!

Das Wandbild dokumentiert die breiten Gräben im Raum des Verschweigens, Vergessens, Verdeckens zu einer Zeit, in der die wissenschaftliche Aufarbeitung der Kooperation und Verstrickung von Wissenschaft und Universität in Hamburg mit dem Nazi-Regime erst stockend anläuft.

Als die HWP ein erstes Einverständnis signalisiert, legen die Muralistas los. Sie werden bald mit Bedenken im Hochschulsenat konfrontiert, stehen aufgeregte Debatten durch, in denen Inschriften problematisiert werden wie »Nie wieder Krieg«, »Reiht Euch ein«, »Einheitsfront schlägt Faschismus«. Zweifel und Fragen, ob es denn am Grindel je solche politischen Aufrufe gab, werden mehrheitlich abgelehnt. Die argentinische Künstlerin Cecilia Herrero-Laffin reist ein, leitet die engagierten Studierende an, plant und malt Entwürfe, nimmt die Kritik auf, modifiziert und optimiert das Kunstwerk über Wochen. Es wird akzeptiert.

Das Wandbild gehört heute zur anerkannten Erinnerungskultur der Stadt. Man präsentiert es stolz bei Rundgängen für Besuche aus dem In- und Ausland. Auch das eingerüstete Werk wurde im Herbst 2015 bewundert: Ein alter Herr aus Israel mit seiner Familie, die früher im Viertel wohnte, freute sich über das farbige Leben am Kunstwerk. Dass es seit zehn Jahren ergraute, wurde ignoriert. Einige Muralistas initiierten eine Spendenaktion. Man braucht heutzutage teure Gerüste, muss Haftungsfragen klären und Arbeitszeiten abstimmen. Viele Muralistas sind beruflich fest eingebunden, in nah und fern. Cecilia Herrero-Laffin kam extra wieder aus Argentinien angereist.

Mehr Bilder von der Entstehung und der Restaurierung des Wandbildes gibt es auf der Wandbildseite der Künstlerin.